Sie

Feld in Lübars

Es war Nacht. Die Hände tief in ihren Taschen vergraben, mit dem Blick auf ihre durchgetanzten Schuhe, schlurfte sie durch die dunklen, menschenleeren Straßen nach Hause. Ihre Füße schmerzten, doch sie hatte es nicht weit.

Sie liebte es in den frühen Morgenstunden nach Hause zu gehen. An allen, die auf ihren Rädern und in ihren Autos dem Alltag entgegen fuhren, vorbei. Über die Brücke hinweg, unter den grell leuchtenden Straßenlaternen entlang. Sie liebte es in den frühen Morgenstunden nach Hause zu kommen, wenn sie alles von sich fallen ließ, die Jacke, die durchgetanzten Schuhe, das Lieblingskleid, wenn sie die Kontaktlinsen gegen ihre Brille eintauschte, mit Wasser grob Mascara aus ihrem Gesicht wusch, wenn ihre Katze freudig auf sie zu gerannt kam, wenn sie einen großen Schluck Wasser hastig austrank, sich todmüde, aber akribisch ein Brot schmierte, mit  Schnittlauch, Tomaten, getoastet und mit Käse überbacken, wenn sie alles im Bett aufaß, noch den letzten Bissen mit der Katze teilte, die sie die ganze Zeit aus allernächster Nähe beobachtet hatte, dann einschlief und erst in den Mittagsstunden wieder aufwachte.

In dieser Nacht fühlte es sich anders an.

„Ich kann nicht mehr.“  Verscheucht, wie lästige Fliegen im Sommer.  Verstaut, wie altes Spielzeug auf dem Dachboden.  Versteckt, wie Zigaretten vor den Eltern. „Ich kann nicht mehr.“

Wie das Schlummerlicht eines Kindes, das, aus dem Fenster der  zweiten Etage, die Straße beleuchtet, wie das grell erleuchtete Geöffnet das Nachtwandler in die Eckkneipe treibt, wie das Bremslicht des Autos, das an der Ecke wartet. Als würde es niemals wirklich dunkel sein, als würde immer noch ein Licht brennen.

Sie kann nicht mehr.

Tränen, stumme Tränen, stumme, kalte Tränen schossen aus ihren Augen und fielen tonnenschwer zu Boden. Fast war es, als hätte sie gehört, wie ihre Tränen auf dem Asphalt landeten, sich dort sammelten, als Rinnsal den Bordstein herab tropften, sich den Weg aus ihrer Sichtweite bahnend. Ihre Füße schmerzten, doch sie hatte es nicht mehr weit.

Sie suchte die Gedanken an die vergangene Nacht, suchte die lachenden, vom Alkohol erröteten Gesichter ihrer Freunde, suchte das Gesicht des Bärtigen, den sie die ganze Nacht über nicht aus den Augen verloren hatte, und wenn es doch passiert war, unter einem Vorwand Richtung Bar ging, nur um ihn wiederzuentdecken, suchte die Träumerei, mit ihm zusammen nach Hause zu gehen. Sie suchte, suchte, suchte. Doch sie fand nur sich, wie sie durch die Lichter der Nacht neben sich her lief, nur sich, wie sie vor den Gedanken an sie weglief. Wie sie es wieder tat, immer wieder, schon wieder.

Sie kann auch nicht mehr.

Sie kam zuhause an, zog endliche ihre Schuhe aus, ließ ihre Jacke darauf fallen, streifte sich unliebsam ihre Strumpfhose vom Leib, schmiss Rock und Bluse daneben, stand nur in BH und Slip vor dem gewundenem IKEA-Spiegel in ihrem Flur. Ihre Katze beobachtete sie aus der Entfernung. Sie sah sich, sah ihr zerlaufenes Make-Up, sah ihre Fingernägel, von denen sie auf dem Nachhauseweg den Nagellack abgenagt hatte, sah ihre Brüste, von denen einen sichtbar kleiner war als die andere, sah ihre zu großen Füße, für die sie nie die richtigen Schuhe fand, sah sich, sah ihren Körper, der sich manchmal, der sich jetzt, der sich so oft anfühlte wie der Körper einer Anderen, aber ihrer war.

Tränen, stumme Tränen, stumme kalte Tränen schossen wieder aus ihren Augen, ließen den Mascara noch weiter ihre Wangen, den Hals herab, auf ihr Dekolleté laufen. Ihre Füße hatten aufgehört zu schmerzen, ihr Herz tat es nun.

Sie ließ sich herabsinken, auf den kargen Boden ihres Flurs, saß nun im Schneidersitz vor ihrem Spiegel. Sie sah sie, sah ihren Körper, sah den Körper der Anderen, der nicht mehr ihrer war.

„Ich kann nicht mehr“, flüsterte sie ihr zu. „Sie kann auch nicht mehr“, flüsterte sie zurück.

Sie sah den anderen Körper im Spiegel und erinnerte sich wie er in einer der vergangenen Nächte  das erste Mal von einem Mann berührt wurde. Die Nacht, in der sie ihre Füße, Fingernägel und Brüste vergaß, der Körper der Anderen ihrer war und es ihr nichts ausmachte. Sie dachte an all das nicht mehr. Sie dachte nicht mehr, an nichts mehr. Sie spürte. Sie spürte wie er sie berührte, mit seinen großen, viel raueren Händen. Spürte, wie er näher an sie herantrat, sein schlanker, großer Körper ihr nah, näher, immer näher kam. Spürte, wie er ihren Hals küsste, erst behutsam, dann immer forscher. Sie spürte, spürte nur noch.

„Du kannst nicht mehr“, flüsterte sie sich zu und war wieder zurück, zurück auf ihrem kalten Fußboden, vor dem Spiegel, vor ihrem Spiegelbild. Mitten in der Nacht, allein, halb nackt. Ihre Katze, die sie aus der Entfernung beobachtet hatte, wartete, dass sie aufstehen, sich den Mascara aus dem Gesicht waschen, in die Küche gehen, sich ein Toast schmieren würde, ins Bett gehen würde.

Sie stand auf, ging in ihr Zimmer, zog sich ein T-Shirt über den Kopf, legte sich in ihr Bett, in ihr ausgekühltes, leeres Bett. Ihre Katze folgte ihr, legte sich am Kopfende neben sie, begann zu schnurren. Mit gleichmäßigen Bewegungen streichelte sie ihre Katze, mit gleichmäßigem Schnurren antwortete sie ihr. Sie sah an die Decke, sah die Streifen, die das Licht der Straßenlaterne an ihr hinterließ.

„Ich kann nicht mehr“, sagte sie, diesmal laut. Ihre Augen waren trocken, sie konnte jetzt nicht weinen. Konnte nicht mehr weinen. Wollte nicht mehr weinen. „Ich kann nicht mehr.“ Sie sah Fliegen um ihren Kopf schwirren, bildete sich ein in den Schatten an der Decke ihr längst vergessenes Kinderspielzeug zu erkennen, sehnte sich danach, aus ihren letzten Tabakresten eine Zigarette zu drehen.

„Ich kann nicht mehr“, sagte sie, noch lauter. „Ich kann nicht mehr, aber ich muss. Ich muss. Ich muss. Ich muss ihr zu Liebe. Sie ist doch meine Mutter.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s