Alles auf Anfang

Leipzig-Himmel

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – ein Satz, den mir meine Mutter in meiner Kindheit im Schlaf oft zugeflüstert haben muss. Schlafsuggestion. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich daran seit schon immer glaube, daran, dass ein neuer Ort alles verändern kann.

Als sich meine Eltern trennten und ich mit meiner Mutter in die Stadt zog, glaubte ich, konnte ich alles hinter mir lassen. In einer neuen Schule, einer neuen Klasse wollte ich endlich Freunde finden, die ich mir ausgesucht hatte, mit denen ich nicht, nur weil wir schon zusammen in den Kindergarten gingen oder weil unsere Väter zusammen in der Freiwilligen Feuerwehr waren, mit dem Fahrrad durchs Dorf fuhr, schwimmen ging oder Baumhäuser baute. Ich glaubte sogar, dass manche Dinge wie von Zauberhand verschwinden würden: meine Überempfindlichkeit, mein ständiges Weinen, wegen der mich die Jungs in meiner Klasse hänselten, weil ich nicht begriff, dass es nur das war, woran sie Spaß hatte; mein leichtes Übergewicht, wegen dem mein Banknachbar Jan nie so verliebt in mich war, wie ich in ihn, aber in meine beste Freundin; mein lautes Auftreten, wegen welchem mich meine Tante nie mochte. Über diese selbst zentrierten Gedanken hinweg vergaß ich sogar über die Trennung meiner Eltern traurig zu sein.

Ich kam in die Sekundarschule und ans Gymnasium und jedes Mal dachte ich mir – abends, am Tag davor, bevor ich einschlief – es ändere sich etwas. Meine Mutter musste mir damals mit ihren Geschichten über verzauberte Anfänge wirklich glaubhaft eingeredet haben, dass ich an einem altbekannten Ort immer wieder beliebige Teile meiner Persönlichkeit zurücklassen, dass ich mir an einem neuen Ort meine Persönlichkeit neu zurecht legen könnte, denn ich versuchte es immer wieder. So als würde man in einen Kostümverleih gehen, sich das schönste Kostüm aussuchen – und es dann doch nie tragen.

Bis hierhin ging es immer um neue Freunde, darum, bestimmte Menschen von mir zu überzeugen. Auf Biegen und Brechen. Erst als ich mit meiner Mutter wieder zurück zog, wieder auf dem Land lebte, eine Stunde lang mit dem Bus zur Schule fahren musste, nahm ich von diesen Versuchen abstand. Es war als hätte mich die Entfernung zur Schule, zu den Menschen, die ich so verzweifelt von mir überzeugen wollte, um eben diese Entfernung in der Zeit zurück geworfen. Ich war wieder bei Null angekommen, Tabula Rasa. Sisyphos oder Diogenes? Ich entschied mich für keinen der beiden und trug wahrscheinlich das erste Mal kein Kostüm. Oder endlich eins, das mir passte. Freunde hatte ich inzwischen gefunden und nachdem ich aufgehört hatte, mich anzustrengen, sogar die, die ich vorher gesucht hatte.

Das einzige, was blieb, war die Vorstellung von diesem verdammten zauberhaften Anfang. Ich glaubte nicht mehr daran, dass vom vielen Grimassen schneiden das Gesicht verzerrt bleiben würde, dass man vom vielen Fernsehen viereckige Augen bekommt, nur daran, dass ein neuer Ort alles verändern kann, glaubte ich noch.

Ich glaubte an Anfänge, obwohl das Ende immer realistischer war. Ich wusste, dass aus Hannes und mir nichts würde, nur weil wir nun nebeneinander saßen; aus Dennis und mir nichts würde, nur weil ich auch in seinem Volleyballverein,  aus Sebastian und mir nichts würde, nur weil er nun in meine Parallelklasse ging, und doch: Ich konnte jeden Tag diese Entfernung zwischen mich und diese Anfänge und Enden bringen, nur um am nächsten Tag vor einem neuen Anfang und einem neuen Ende zu stehen.

Ich machte mein Abi und ging an die Uni, und dachte mir: jetzt, jetzt ändert sich bestimmt wirklich was. „Lieber Rudi, wenn du das lesen könntest“, schrieb ich dann bald in eines meiner Notizhefte. Während andere auf Parties knutschten, Sex hatten, Beziehungen führten, sich trennten und wieder jemanden kennenlernten oder seit Jahren glückliche Beziehungen führten, schrieb ich Briefe. Lieber Matthias, lieber Jonas, lieber Martin. Briefe, die ich nie abschickte, weil sie auch nichts mehr hätten ändern können.

Manchmal wäre ich gern in einen Bus gestiegen und auf das Land gefahren, oder einfach Bus gefahren, um diese gewisse Entfernung zwischen mich und all diese Anfänge und Enden zu bringen. Ich hätte meine Persönlichkeit solange in meinem Zimmer auf dem Bett liegen gelassen, vielleicht wäre ich zurückgekommen und sie hätte mir wieder gepasst. Kein Kostüm.

Meine Mutter sitzt schon lange nicht mehr neben meinem Bett, wenn ich schlafe, sieht mich nicht an, flüstert mir nicht zu. Keine Schlafsuggestion. Aber ich schreibe immer noch Briefe, mit einem Anfang und einem Ende. Briefe, die ich nicht abschicke, weil sie nichts ändern können – auch nicht sollen. Ich schreibe sie nur für mich, es ist wie Bus fahren, nach Hause kommen und das Kostüm ausziehen.

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