Von der armen A.S.

Von der Armen A.S.

Ich sah dich in der Bahn mir gegenüber. Ich hab dich sofort erkannt, denn seit Wochen schon gehst du mir nicht aus dem Kopf. Du sahst mich nicht, hattest deinen Kopf gesenkt, warst vertieft in eines dieser antiquaren, vergilbten Bücher, die nach längst vergessenen Gedanken und ehrlicher Poesie riechen. Sicher last du in einem Hesse, oder blättertest wieder in einem Nietzsche, so versunken wie du in deine Lektüre warst, so sehr wie dich deine Umgebung nicht interessierte, so wie ich dich kenne.

Doch mit dem langsam einsetzendem Regen, dem ersten, der nach Sommer roch, war es, als wäre ich zurück auf den Boden der Tatsachen gespült. Mir fiel wieder ein, dass ich dich eigentlich nicht kenne. Dass du nur eine Erzählung bist, und ich das Mädchen, das noch an Märchen glaubt.

Ich konnte mich auf mein eigenes Buch, der Gedichtband von Brecht, das ich wenige Stunden zuvor gefunden hatte, weil es jemand aus seiner Büchersammlung sortiert und unachtsam auf die Straße geworfen hatte, nicht mehr konzentrieren. Es verschwammen seine Worte vor meinen Augen, ich sah noch:

„Gottseidank geht alles schnell vorüber,

Auch die Liebe und der Kummer sogar.

Wo sind die Tränen von gestern abend?

Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?“

Als der Regen einnehmender wurde, sich mit den Tränen, die plötzlich, unaufhaltsam über meine Wange ronnen, vermischte, verfluchte ich Brecht für seine schonungslose Dichtung. Ich hatte das Gefühl, ich wäre mit diesen Zeilen seinem abschätzigen Gelächter ausgesetzt. Doch eigentlich verletzte mich das nicht, ich war sauer auf ihn, weil er mich durchschaut hatte.

Da saß ich nun, im Regen, an dieser verlassenen Haltestelle, in der neuen, noch so befremdlichen Stadt, fragte mich, warum ich weinte, während Brecht es wohl schon längst wusste.

Du bist der beste Freund meines besten Freundes. Deswegen kannte ich dich schon, noch bevor ich dich das erste Mal sah. Er erzählte mir von dir, dass deine Mutter früh starb, dass du dich mit deinem Vater nicht verstehst, dass du mit deiner Oma zusammen lebtest, um sie in keinem Altenheim wohnen zu lassen, dass du in eine ältere Frau mit Kind unglücklich verliebt bist. Ich kenne dich nicht, ich bin nur verliebt in diese Idee von dir.

Als ich dich dann zum ersten Mal sah, du mir und meinem besten Freund auf der Straße entgegen kamst, fühlte ich mich wie erschlagen. Diese Idee von dir, sie hatte nun Gestalt angenommen. Mit jedem so seltenem Satz, den du sprachst, mit jedem so ehrlichen Lachen, dass du von dir gabst, mit jedem gekonnten Griff an deinem Bass, bekam deine Gestalt Farbe. Ich malte sie mit den buntesten, schillerndsten Farben aus, denn ich kannte dich immer noch nicht, ich war immer noch nur verliebt in diese Idee von dir.

Genau das hat Brecht erkannt, er weiß, dass ich mich in eine Fantasie gestürzt habe. Dass ich mich schon so tief im Hundertmorgenwald verlaufen habe, dass ich keinen Weg mehr zurück in die Realität finde, in der ich dir sagen könnte, dass ich dich mag. Ich würde dir sagen, dass ich dich mag, wenn ich wüsste wie sich das anfühlt. Wenn ich wüsste, ob es wirklich ist.

Doch in der Realität sitze ich immer noch an der Haltestelle, warte im immer kälter werdenden Regen auf die Straßenbahn, die mich nach Hause bringt. Ich weine nicht mehr, ich bin nur still und denke an die anderen Male zurück, in denen ich dachte, ich würde in jemanden verliebt sein.

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