„Zum trunkenen Feigling“

betrunkene Umdrehungen

Wenn ich betrunken bin, sage ich Dinge, die ich nicht sagen will. Vor allem sage ich sie lauter, damit sie noch unbändiger im Raum stehen, als sie es ohnehin schon würden.>

Wenn ich betrunken bin, tue ich Dinge, die ich nicht tun will. Vor allem tue ich sie immer wieder, genauso wie ich mir am Morgen darauf auch immer wieder einrede, dass ich das nie wieder machen werde, und gut zurede, dass es dieses Mal sicher auch so sein wird.

Auf großen, gepflasterten Plätzen, vor großen, sehr sehr öffentlichen Gebäuden Rad schlagen, noch ein Wegbier kaufen, dann noch eins, noch einen kleinen, klitzekleinen, und wirklich letzten Schnaps trinken, stehen bleiben, um sich eine Zigarette zu drehen, weil man die Bahn schon noch bekommt, Mama anrufen oder allzu zufällig im Facebook nach dem Typen sehen, in den man so unglaublich, ja wirklich schwer verknallt war, es aber nie zugeben wollte, vor allem ihm gegenüber nicht, und während man in seinem Profil stöbert, tatsächlich daran glaubt, es würde einem ein Jahr später die Erkenntnis ereilen, warum daraus nichts wurde, warum man nicht länger wehleidig sein müsste, wird man nur melancholischer, mehr noch als das Schnaps-Bier-Gemisch es gewollt hatte.

Wenn ich betrunken bin, will ich aber auch Dinge, die ich wirklich unbedingt will, tue sie aber nicht.

Dann hatte ich die Willenskraft, noch einen Schnaps zu trinken, zwei Biere für den Heimweg zu kaufen, eins davon für gleich, das andere, wenn ich mit meiner Kippe in der Hand an der Haltestelle auf die Bahn warte, Mama über all das in Kenntnis zu setzen, den Typen natürlich nicht, denn die Gedanken an ihn hatte ich mir eben mal wieder abgeschworen – all das irgendwann zwischen Spätverkauf und der Erkenntnis, dass das meine Bahn war, die an mir vorbeifuhr. Was ich allerdings nicht hatte, war der Mut, mit diesem anderen Typen zu schlafen. Dabei war doch genau das, das einzige, was ich wirklich tun wollte, nicht all das, dass ich tat, als ich betrunken war.

Wenn ich wieder nüchtern bin, jammere ich immer rum, dass sich wieder niemand für mich interessiert hat, lasse dabei diesen und auch die anderen zwei jungen Herren außen vor, mit denen ich erschreckend ähnliche Situationen erlebt hatte – mit mir allein in meiner WG-Küche oder in einem großräumigen Bus auf einem Festival sitzend.

Wenn ich wieder nüchtern bin, tue ich so, als wäre der Moment, der Ort, das grelle Licht der Küchenlampe, die Farbe des Busses, alles nicht das richtige gewesen, denn all das ist mir lieber als zuzugeben, dass ich feige bin, als mir, schon gar nicht ihm, einzugestehen, dass ich unsicher, dass ich unentschlossen, vor allem, dass ich unerfahren bin.

Dann geht er in eine andere Bar, nach Hause oder zurück auf das Festivalgelände. Angefressen zwar, denn das sind Männer, wenn sich im entscheidenen Moment das Blatt nochmal wendet, aber schon mit einer anderen jungen Damen an der Hand, die sicherer, entschlossener, erfahrener sind. Hingegen bleibe ich als alte Jungfer zurück, betrunken, nach abgestandem Zigarettenrauch riechend an der Bushaltestelle, von der mich meine Mama nicht abholen kann, genauso wenig der Typ, in den ich so unglaublich, ja wirklich schwer verknallt war, weswegen man deshalb ja wohl schon noch mal wehleidig werden darf.

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