Venezianische Masken

Venezianische Masken

„Das mit uns war immer nur eine Schnapsidee“, sagt sie, hält das Weinglas gerade so in der Hand, dass sich der Rotwein nicht über ihrem Schoß ausbreitet und sieht ihn mit halb geöffneten Augen an. „Das habe ich inzwischen eingesehen“, fügt sie noch hinzu, als er noch immer nichts gesagt hat. Er sieht sie nur an, sitzt dabei wie ein Schuljunge kerzengerade auf dem Stuhl, mit dem Rücken zur Küchenwand. Seine Hände hat er vor seinem Schoß zusammen gefaltet. Er sieht noch ganz genauso aus, wie damals, denkt sie: das verschmitzte Grinsen, das ihm scheinbar nie aus dem Gesicht weicht, die Lachfalten um seine grauen Augen herum, diese graublauen Pullover unter denen er meist noch ein Hemd trug. Sie hatte sich in den Nächten, in denen sie betrunken die Stadt unsicher machten, immer gefragt, wie es ihm gelingen konnte, stets so ordentlich auszusehen. Adrett, wie ihre Großmutter sagen würde. Vielleicht liegt es am Wein, vielleicht an der Zeit, die inzwischen vergangen ist, aber gerade fällt ihr nicht mehr ein, was sie noch vor fünf Jahren an ihm fand.

Er konnte nirgends hin. Es wäre wirklich unhöflich, sie betrunken und allein in der fremden Küche, in der sie sich vor ein paar Stunden nach fünf Jahren das erste Mal wieder gesehen hatte, sitzen zu lassen. Das musste ihm bewusst sein, sonst säße er nicht mehr hier, dachte sie während sie ihn weiter musterte. Er würde sich mit seiner Mitbewohnerin, mit der er damals ein paar Straßen weiter in einer kleinen Wohnung lebte, unterhalten, auf alte Zeiten trinken, zu viel trinken und wahrscheinlich erst dann wieder der Alte sein, wahrscheinlich erst nach drei Sternburger wieder mit ihr sprechen, ohne dabei seine Hände unter dem Tisch zu verstecken.

„Ich habe dein Zögern immer bemerkt, aber ich konnte es nicht verstehen.“ Sie sah ihn noch immer an. Ihr war bewusst wie unangenehm ihm die Situation sein musste, wie sehr er sich ausgeliefert fühlen musste, wie sehr er sich in den Raum nebenan wünschte, in dem ihre gemeinsamen Freunde gerade zu Neunziger Jahre-Hits tanzten, die sie immer auflegten, wenn längst alle zu betrunken waren, um darauf zu bestehen, „coole“ Electro-Musik laufen zu lassen. Wahrscheinlich hätte er nur in der Ecke gestanden, mit seinem dritten Bier in der Hand, hätte die anderen belächelt, sich noch nicht getraut mitzutanzen, wie auch immer wäre er jetzt sicher lieber in diesem Raum. Doch er sitzt mit ihr in der leer gewordenen Küche, kein Entkommen.

„Erinnerst du dich denn noch an die Nacht?“ Sie hat den Wein auf dem Küchentisch abgestellt, dreht verlegen Kreise um den Fuß des Glases. Ihm in die Augen sehen konnte sie nicht mehr, ihr war etwas schlecht, sie wusste nicht, ob es am Rotwein lag – sonst trank sie eigentlich keinen – oder daran, was ihr alles auf der Zunge lag.

Wir sind uns doch wichtig geworden, auch wenn so was schnell passiert. Manchmal ist es doch ehrlich. Wie selten so etwas passiert.
Ich konnte dein Zögern nicht verstehen.

Er sah sie nur an, sah sie mit seinen immer lächelnden, grauen Augen an. Wie eine Clownsmaske, dachte sie. Eine dieser Venezianischen Masken, die man sich in den Achtziger Jahren über das Sofa hing, vor denen sie sich gruselte. Er sah aus als würde er schmunzeln, sie wusste, dass er immer so aussah, doch gerade verletzte es sie.

Wie selten lernst du einen Menschen kennen, der es ehrlich mit dir meint, dem nur daran gelegen ist. Wir sind uns wichtig geworden, das ist schnell passiert.

„Sag doch was. Bitte“.

Er sieht ihr zu, wie sie gedankenverloren die Rotweinränder auf dem Holztisch nachzeichnet, sieht sie an, hat immer noch dieses Lächeln im Gesicht, dieses Lächeln, das zu ihm gehört, aus dem man nichts lesen kann. Langsam bewegt er seinen Oberkörper nach vorn, hält nach ihrer Hand aus, berührt schließlich mit seinen sanft ihre Fingerspitzen. „Es tut mir leid“, sagt er leise, so leise, dass er selbst kaum hören kann, so leise, dass er es auch nicht gesagt haben könnte. Unwillkürlich laufen ihr Tränen aus den Augen, fast mechanisch, sie kann nichts dagegen tun.

Wir tanzten ausgelassen, lachten, sahen uns an, tanzten, tanzten und tanzten. Einige Stunden zuvor hattest du mich aus heiterem Himmel auf der Straße gefragt, ob es etwas gäbe, dass ich an dir ändern wollte. Ich hatte dir keine ernsthafte Antwort gegeben, schon viel zu oft hatten wir in solchen Momenten über uns gesprochen, was das war, doch am nächsten Tag war es immer wie ungeschehen. Neben dir auf der Tanzfläche schien es, du warst es, ich war es, perfekt. Nichts, dass ich hätte ändern wollen. Wir tanzten ausgelassen, lachten, sahen uns  an, tanzten, tanzten und tanzten. In dieser Nacht hast du bei mir geschlafen. Du hattest deine Haustürschlüssel nicht und wolltest deine Mitbewohnerin nicht wecken, und ich tat so, als wüsste ich nicht, dass es inzwischen 9 Uhr morgens war. Mittags aßen wir, in der WG, es wäre fast zu schön gewesen, hättest du nicht wortlos am Tisch gesessen, hättest nicht hastig das Essen in dich hineingeschlungen, wärst nicht nach einem Telefonanruf einfach losgegangen. Wir haben nie über diese Nacht geredet.

„Auf deine Frage in dieser Nacht hätte es eine Antwort gegeben, weißt du das?“ Sie blickt ihm in seine grauen Augen, lässt den Blick nicht von ihm, stellt sich ihrer Angst vor Venezianischen Puppenmasken. Eine Weile sehen sie sich so an.

Wir haben auch nie darüber geredet, dass ich dir gesagt habe, dass ich dich liebe. Ich hatte es mir seit Wochen vorgenommen, wollte einen dieser Momente nutzen, in denen wir über uns unterhalten konnten, was das war. Was das für mich war wollte ich dir sagen. Ich wollte es dir endlich sagen, endlich jemandem sagen, das erste Mal jemandem sagen. Wir waren wieder tanzen. Mit dem Freund meiner Mitbewohnerin trank ich mir vor dem Club Mut an, wir machten uns aus: Ich sage es dir, er bricht sein Pharmazie-Studium für die Ausbildung zum Schneider ab, die er schon immer machen wollte. Für mich kam das gleich, also ging ich wieder in den Club, lief entschlossen auf dich zu und zögerte nicht lang, „Ich habe mich in dich verliebt“. Du drehtest dich zur Bar, bestelltest dir ein Bier und riefst gegen die Lautstärke der Musik an, „Was?“, doch ich wusste, dass du mich verstanden hattest. Damals konnte ich noch in deinen Augen lesen.

Fast sah er aus, als müsse auch er weinen. Seine Hand hatte er längst wieder zu sich gezogen, umklammerte damit sein Bier, als wollte es ihm jemand wegnehmen. Ihre beste Freundin stolperte in die Küche, in der einen Hand ein halbvolles Bier, in der anderen zwei selbst gedrehte Zigaretten. Sie ging auf den Küchentisch zu, an dem die beiden unverändert seit einer Stunde gesessen und eigentlich nicht miteinander gesprochen hatten, packte ihre Freundin am Arm, zog sie auf den angrenzenden Balkon und drückte ihr die Zigarette in die Hand. „Die kannst du doch bestimmt jetzt brauchen, hm?“, sagte sie und blies dabei den Rauch schräg von sich zur Seite. „Was macht ihr da so lange? Das ist doch Quatsch, mal ehrlich!“. Sie setzen sich auf die Bank, die links neben der Balkontür stand, saßen so nebeneinander und rauchten ohne ein Wort miteinander zu sprechen.

Ich will nur noch gehen, nur weglaufen. Er will jetzt nicht mit mir reden und er wird es nie. Ich bin ihm plötzlich unwichtig gewesen, das ist schnell passiert. Da war diese andere Frau, die plötzlich an die Stelle trat, an der ich zwei Jahre lang war.  Die Frau, die er an dem Abend, als ich ihm sagte, dass ich ihn liebe, auf der Tanzfläche küsste. Woher kam sie? Die Frau, mit der er schlief. Die Frau, mit der er nach Berlin zog. Die Frau, mit der er noch immer zusammen ist. Die Frau, bei der er nicht zögerte. Ich kann mein Zögern nicht verstehen.

Auf seine Frage in dieser Nacht hätte es eine Antwort gegeben. Nur gut, dass niemand mehr Fragen hat.

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