Fliegensterben

Düsterer Sonnenuntergang

 

„Du machst mich verrückt.“ Du machst mich verrückt. Ich mache ihn verrückt. Er macht mich verrückt. Ich habe ihn verrückt gemacht. 

Sie ging durch den Park, dem fünf Minuten von ihrer Wohnung entfernten Park, in den sie eine halbe Stunde zu Fuß gebraucht hatte. Weil sie immer wieder stehen geblieben war, um sich eine Zigarette zu drehen, um aus der halb leeren Flasche Gin zu trinken, um sich Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Obwohl sie im Laufen drehen konnte, obwohl sie Gin ohne Tonic, Eis und Zitronen nicht mochte, obwohl sie deshalb sonst nie weinen musste.

„Du machst mich verrückt“, dachte sie wieder, heulte wieder.

Irgendwann saß sie im Park auf einer Bank. Eigentlich ein erster, fast sommerlich warmer Frühlingstag, eigentlich Sonnenuntergang, eigentlich schön. Menschen mit Hunden, Menschen auf Fahrrädern, Menschen mit Kinder, Menschen mit ihren Partnern. Wie Fliegen, die um verdorbenes Fleisch kreisen.

Sie saß auf der Bank, mit dem Blick auf den Sonnenuntergang über der Stadt, drehte sich aus den letzten krausen Fäden eine Zigarette, beobachtete dabei eine Frau in ihrem Alter, die Gänseblümchen pflückte und einen Mann mit zwei Hunden, einen freilaufend, einen angeleint und wie er den angeleinten Hund trat, als er auf sie zulaufen wollte. „Arschloch“, sagte sie. Der Mann hörte es, sagte aber nichts. Als ob er wüsste, dass er eigentlich nicht gemeint war.

Sie zog an der Zigarette, drückte sie aber nach zwei kurzen Zügen wieder aus. Von dem vielen Rauchen war ihr schwindlig.

„Ich hab ihn verrückt gemacht“, dachte sie wieder. Dachte an seine Hände, die über ihre Haut fuhren, dachte an den ersten zaghaften Kuss, dachte an das Gefühl, unbeweglich und schlaflos neben ihm zu liegen. Kleines Glück. Komm zurück, nimm alles mit, die Platte, den Kranich, das Holzhaus in Island, das Gefühl, als würden hunderte Ameisen über meinen Körper rennen. Geh wieder, aber dreh dich nicht um. 

Mit den Händen voll Gänseblümchen war die junge Frau gegangen, der Mann mit seinen Hunden außer Sichtweite, sie war allein im Park, über dem die Sonne inzwischen untergegangen war. Fühlte sich betrunken, fröstelte, wollte gehen, fühlte sich aber zu schwer, aufzustehen. Komm zurück, gib mir alles zurück, das Unvoreingenommen sein, die Sprache, die Musik, den Ort und das Gefühl, leicht zu sein. Geh wieder, aber dreh dich nicht um. 

Sie dachte an den Nachhauseweg, dachte an Sätze, die sie sagen wollte, dachte an ihre Mutter, die sie anrufen wollte, dachte an Sätze, die sie nie sagen würde, dachte an einen Freund, der in eine paar Tagen Geburtstag hatte, dachte an einen Brief, den sie schreiben könnte, dachte an ihre Katze, die sie füttern musste, dachte an einen Brief, den sie nie abschicken würde, bis sie Kopfschmerzen hatte und losging.

Sich verrückt machen. Wie Eintagsfliegen. Eintagsfliegen, die noch eben durch den Raum surren, dann zappelnd auf dem Fensterbrett liegen, deren Summen man noch hört, bis es plötzlich still ist. Kurzes Glück.

Wir haben uns verrückt gemacht. Plusquamperfekt, aber mit Vollendung hatte das wenig zu tun.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s