Über Elefanten im Zimmer

Über Elefanten im ZimmerDu bist mein bester Freund, das weißt du. Ich bin deine beste Freundin, das weiß ich. Nur, warum das so ist, ist mir oft nicht klar. Es ist mir ein Rätsel, so wie damals „Das verrücke Labyrinth“, das habe ich auch nie verstanden.

Wir Menschen sind Tiere, vor allem Gewohnheitstiere, die gerne geregelten Tagesabläufe nachgehen, Lieblingsgerichte, Lieblingsmusik, Lieblingsfilme, Lieblingswasauchimmer haben. Dabei tun wir aber gern so, als wären wir spontan, frei und unabhängig, als ginge es alles auch so. Grinsend mitspielen: das Leben. Vielleicht haben wir auch Lieblingsmenschen, ganz sicher sogar. Solche, die wir schon lange kennen, an die wir und die sich an uns gewöhnt haben, und weil es anstrengend ist, neue Freunde zu suchen. Man muss sie finden, mit ihnen nach und nach die eigene Lebensgeschichte teilen, damit man nach einer Trennung mit einer Flasche Rotwein vor ihrer Tür stehen, in einer Rauchwolke versinken und betrunken in der kalten WG-Küche sitzen kann und sie sagen: „Süße, das liegt an deiner Kindheit.“ „Du hängst einfach noch an Matthias“ oder „Du musst erstmal zu dir selbst finden“. Irgendsowas, irgendwas mit momentaner Gültigkeit. Was auch immer sie sagen, die besten Freunde, es stimmt, weil sie dich kennen. Müssen sie ja, schließlich ist man ja schon seit Jahren befreundet. Logische Konsequenz.

Sowas denkt man und merkt nicht, dass man sich auseinander lebt, aneinander vorbei redet, sich nicht mehr für einander interessiert, sich nicht mehr leiden kann, sich vielleicht nie wirklich leiden konnte, schon immer aneinander vorbei redete und sich nie für einander interessierte. Aber weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind, wissen wir dem kein Ende zu setzen. Rennen im Kreis wie Kettenhunde, jagen unsere eigenen Schwänze oder nagen unsere eigene Haut blutig, haben zu lange auf zu engem Raum gelebt und müssen durchdrehen. Noch so eine logische Konsequenz.

Wir können Jobs kündigen, Emails löschen, Klamotten wegwerfen, uns neue Jobs suchen, neue Klamotten, Möbel, Bücher und Platten kaufen – alles, nur das, was uns wirklich nicht mehr in den Kram passt, unsere Beziehungen, können wir nicht abschafffen. Können wir vor allem nicht zurückspulen, ungeschehen machen oder wieder auflegen.

Dann gibt es den Moment, der dich zwingt. Die Schlüsselszene, Peripetie und Wendepunkt, vor oder zurück, so weitermachen oder etwas ändern. Was du auch machst, es fühlt sich beschissen an, wird sich beschissen anfühlen, auch, weil du es schon vorab weißt. Es kommt dann, wie es kommen musste. Wie im Film: Hä, was ist los mit dir, du hast dich verändert, was willst du eigentlich, warum kommst du damit erst jetzt, an mir liegts nicht, es liegt an dir. Es sind nicht die anderen, die sich verändert haben, wir haben uns verändert. Vielleicht hat sich auch niemand verändert, schon immer waren wir so. Aber es klingt erst einmal nach einer guten Begründung, so muss man nicht über den Elefanten im Wohnzimmer sprechen. Es gibt kein Zurück mehr, nicht für dich, nicht für die anderen, der Elefant ist jetzt Untermieter.

Ich will kein Gewohnheitstier sein, ich will, wenn ich mich nicht wohlfühle, mit dir, mit euch, mit mir, etwas ändern können, will sagen „Ich hasse dich!“, „Du hast mich verletzt“, „Ich gehe“ und „Entschuldigung“. Euch konnte ich das nicht sagen. Ich habe mich nicht getraut, habe mich nicht getraut, ich selbst zu sein, hatte Angst vor euch, eurer Reaktion, dem Leben damit und dem Leben danach. Bestimmt war das meine Schuld, ganz bestimmt. Ich hatte recht, es kam wie es kommen musste.

Aber dir kann ich es sagen. Bei dir kann ich sein, wie ich bin. Deshalb weiß ich wohl doch, warum du mein Freund bist. Ich hasse dich, du verletzt mich, ich gehe. Entschuldigung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s