Käuzchen, Teil I

Käuzchen I

Dunkel, die eigenen Hände vor den Augen kaum sichtbar. Einzig helle Streifen, aus dem Nichts, breiter und breiter, schimmern, erinnern mich an Wellen, nur gleichmäßiger. Ein Anfang, kein Ende, tauchen aus dem Schwarz auf, lösen sich auf, verschwinden in düstere Ecken des Zimmers.

Ich liege auf dem Rücken in seinem Bett, regungslos, gerade so von seiner Decke bedeckt. Seit einiger Zeit schon blicke ich an die Zimmerdecke, auf die Schatten, die die Straßenlaterne an sie wirft. Ich sehe bereits so lang auf die hell schimmernden Wellen an der Decke, dass sie sich beinahe bewegen, dass ich sie noch sehe, wenn ich die Augen schließe, nur greller, auf der Innenseite meiner Augenlider. Sie zucken, dann ein leichter, stechender Schmerz in der Schläfe. Vielleicht, weil ich lang nicht geblinzelt habe, vielleicht, weil wir zwei Flaschen Sekt und den selbstgemachten Pfirsichwein meiner Eltern getrunken haben, vielleicht einfach so. Es ist, als hätte es eben erst geklingelt, als wäre ich eben erst die Treppen hinunter gestürzt.

Ich eilte die Stufen herunter, lief die letzten Meter bis zur Haustür aber wie in Zeitlupe. Als ich zur Tür hinaus trat, stand er da. Wie immer trug er seine an den Knien zerschlissenen hellblauen Jeans, die ihm eigentlich viel zu locker auf der Hüfte saßen, aber dennoch passten, und obwohl er eine bis oben hin geschlossene Winterjacke anhatte, wusste ich, dass er eines seiner Hemden trug, die ihm ebenso locker von den Schultern hingen, aber passten. Seine dunklen, etwas lockigen Haare sahen immer so aus, als wäre er eben erst aufgestanden, hätte sich, nachdem er schnell Jeans und Hemd übergezogen hatte, nur kurz im Spiegel angesehen, um nur kurz mit der Hand durchs Haar zu fahren. Ich dachte noch, wie viel würde ich dafür geben, genauso sagen zu können, dass er dafür morgens eine halbe Stunde eher aufsteht, als er mich anlächelte. Als er dieses eigentlich selbstverliebte Lächeln lächelte, für das man ihn eigentlich verabscheuen musste. Auch jetzt lächelte er wieder so, gleichzeitig so gelassen, dass ich mich fragte, woher er das nahm, und warum ich hier war. Ich fühlte mich wie eine Lavalampe, in der sich die Wärme bereits soweit ausgedehnt und sich die Stoffe vollständig verflüssigt hatten, dass sie in wohligen, seltsam gleichmäßigen Formen hypnotisch auf- und abwaberten.

Alles passierte einfach. Man merkt nichts, und erst, wenn man sich konzentriert, spürt man die lavaartigen Gebilde in einem auf- und absteigen, dass einem etwas übel wird.

Ich dachte an die Lavalampe, die ich mir mit Fünfzehn immer gewünscht hatte, aber nie leisten konnte, während wir nebeneinander auf einer Parkbank saßen, die plötzlich vor uns aufgetaucht war. Wir setzten uns in die Kälte, die nach Schnee roch, tranken Kaffee aus einem Pappbecher, den ich plötzlich in der Hand hielt, und beobachteten die Menschen, die an uns vorbeizogen. Menschen, wie sie an einem Mittwochmorgen um elf Uhr durch den Park gehen. Noch sehr junge Frauen, die gelangweilt, auf ihre Smartphones sehend, Kinderwagen vor sich her schieben, oder Bomberjacken tragende Glatzköpfe, die von ihren Hunden ausgeführt werden, nicht andersrum. Wie so oft dachte ich dabei mehr an das Leid der Hund, als an das der Kinder. Ich dachte, dass ich den glatzköpfigen Bomberjacken am liebsten die Hunde entführen würde, damit sie ein besseres Leben führen könnten.

Das fällt mir wieder ein, jetzt, während ich noch immer in seinem Bett liege, ohne mich bewegt zu haben, und an die Zimmerdecke starre. Ich spüre das Lava noch immer in mir, nur langsamer, schwerer und träger. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es am Alkohol liegt, und sehe weiter an die Decke. Ich glaube in den Schatten, die eben noch Wellen waren, nun andere Formen zu erkennen. Zwei Katzen, einen gestreiften Kranich, dann ein Holzhaus im Wald mit Bücherregalen als Wände.

Als ich meinen letzten, schon kalt gewordenen Schluck Kaffee nahm, wollte ich gehen. Ich wollte ihn hier sitzen lassen, ihn seinen zerschlissenen Jeans, mit seiner Gürteltasche, und seinem Lächeln, dass mich erinnerte. Es war einer dieser Momente: Ich hatte das Gefühl, die Treppe herunter, vor die Tür heraus, in den Park, auf die Parkbank, nach Hause, die Treppe hoch, die Treppe herunter gegangen, und auf meinem Fahrrad die Straße lang runter, über den Spielplatz hinweg und an dem leerstehenden Schulgebäude vorbei, schon ein Mal gefahren zu sein. Schon einmal zu schnell in die Pedale getreten zu haben, dass ich mich eigentlich nach vorn über mein Fahrrad hätte überschlagen müssen. Doch dann wusste ich, dass das kein Déjà-vu war, sondern wirklich schon zu oft passiert.

Dann müsste ich jetzt aufstehen, einfach gehen, dachte ich – aber dafür war es längst zu spät.

*** Fortsetzung: Käuzchen, Teil II.

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