Käuzchen, Teil II

Fortsetzung von Teil I.

Ich schien Momente zu erleben. Kurze, grelle Augenblicke, wie Stromschläge, in denen man für wenige Sekunden das Bewusstsein verliert, aber noch einfache Handlungen ausführen kann. Nach rechts wischen, vor die Tür treten, anrufen, ihm einen ausgeben, klingeln, bei ihm übernachten.

Als wir stundenlang auf seiner Couch saßen, einer orangefarbenen Ledercouch, so hässlich, dass sie schon wieder in die wenig, aber geschmackvoll eingerichtete Wohnung passte, hatte ich keinen dieser Momente. Wir saßen dicht nebeneinander, gerade so, dass wir den Körper des anderen neben uns spürten, uns aber eigentlich nicht berührten, unterhielten uns, tranken und rauchten. So wie er heute morgen vor der Tür stand, saß er jetzt da, lächelnd, zufrieden mit sich selbst, gelassen. Er trank, weil es schmeckte, rauchte, weil er wollte, lachte, weil er konnte. Er stand nur auf, um die Platte zu wechseln oder Sekt nachzuschenken, ich stand nur auf, um ins Bad zu gehen. Im Bad sah in den Spiegel, sah in mein Gesicht, sah aber nichts. Ich konnte meine Augen, meine Nase, meinen Mund nicht erkennen, mein eigenes Gesicht verschwamm, wie wenn man lang auf ein- und dasselbe Objekt starrt. Ich wusste ja, wer ich war, ich wusste aber auch, wer er war. Vor allem wusste ich, wie ich mit ihm war, wie er mit mir. Ich müsste jetzt das Bad verlassen, meine Sachen zusammen suchen und gehen – aber da saß ich auch schon wieder neben ihm, schon wieder, so nah nebeneinander.

Er fragte mich, ob ich bei ihm übernachten wollte, da durchzog mich wieder einer dieser Stromschläge. Diesmal kam ich spät erst wieder zu Bewusstsein – eben erst, als ich die wellenartigen Streifen an der Decke entdeckte, die Katze, den Kranich und das Holzhaus.

Wir hatten nebeneinander gelegen, noch eine ganze Weile, so wie wir vor einigen Stunden auf der Parkbank nebeneinander saßen, so wie jetzt, nur erzählten wir uns irgendwas, lachten und taten so, als wäre alles so, wie es sein müsse. Dann, als das Licht schon lang aus war, fragte er mich, ob er mich küssen dürfe. Ja, und ich wünschte mir, dass das einer dieser Stromschläge gewesen wäre. Noch lange bevor er in den Tiefschlaf fiel, sich ruckartig zur Seite drehte und dabei die Decke mit sich nahm, lagen wir Hand in Hand nebeneinander. Dann erst fiel mir das hereinfallende Licht auf und bevor ich an die unzähligen Gläser Sekt, die ich getrunken hatte, ohne betrunken zu werden, an meine Masterarbeit, die ich am nächsten Tag weiter schreiben musste, an meine Katze Zuhause, die Mütter, Bomberjacken und Hunde im Park dachte, dachte ich daran, wie ich als Kind immer so da lag. Ich lag da, hellwach, konnte nicht einschlafen. Im Dunklen sah ich die Umrisse der Gegenstände in meinem Kinderzimmer, die nicht mehr wie Stühle, Kleiderständer oder Bilderrahmen aussahen, sondern wie seltsame Gestalten, die mich dabei beobachteten, wie ich einzuschlafen versuchte. Vor meinem Fenster zogen schrill schreiend Käuzchen vorbei, sie flatterten durch die vor meinem Fenster stehenden Platanen, umrundeten das Rondell, das zu einem leerstehenden Kulturhaus gehörte, jagten sich durch die raschelnden Blätter der Bäume. Es war so dunkel, dass ich meine eigenen Hände vor den Augen nicht sehen konnte. Ich hörte nichts außer meinem Atem und den schrillen Geräusche der Käuzchen, die aus dem Nichts auftauchten, mal näher, mal ferner kame und aus der Nacht nicht wegzudenken waren. Ein plötzlicher Anfang und ein abruptes Ende, wenn sie bei Nachteinbruch aus dem Dachstuhl des Kulturhauses, in dem sie nisteten, flogen, an meinem Fenster vorbei flatterten, Schatten an meine Kinderzimmerwand warfen, mich wach hielten und schließlich, als wären nie etwas gewesen, in die Nacht verschwanden. Oft schlich ich mich dann in das Schlafzimmer meiner Eltern, die noch wach, vielleicht gerade erst ins Bett gegangen waren und warteten, bis ich es nicht mehr länger allein in meinem Zimmer aushielt. Dann legte ich mich zwischen sie und schlief meistens sofort ein – als wäre nie etwas gewesen.

Ich lag nun da, sah zum Fenster raus, sah nichts, keine Vögel, keine Wellen, keine Katzen, keine Kraniche. Anders, als als Kind, würde ich weiter in diesem Bett liegen bleiben, an die Zimmerdecke blicken und nicht einschlafen können, während er tief schlief, sich ab und zu bewegte, dabei schwer ausatmete und mich, während er die Decke mit sich zog, immer nur kurz berührte.

Noch immer dunkel, noch immer die eigenen Hände vor den Augen kaum sichtbar. Nur das etwas Decke, die Schatten an der Zimmerdecke, das weit entfernte Straßenlicht. So weit entfernt wie die Erinnerung an die Käuzchen, so weit entfernt wie die Parkbank und der gemeinsame Abend, so weit entfernt wie er heute in zwei Wochen.

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