Schattierung

 

Licht durch das Fenster

Schatten an der Wand

Rechtecke an der Decke

leuchten

leer

sinnentleert

Wie meine Gedanken

Bei Nacht

sich drehen

sich wenden

Mit Blick auf die Rechteckigkeit des Lebens

Warten

Auf einen Gedanken

Den einen

Der mich wegträgt

Aus dem Fenster

In ein anderes Licht

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Venezianische Masken

Venezianische Masken

„Das mit uns war immer nur eine Schnapsidee“, sagt sie, hält das Weinglas gerade so in der Hand, dass sich der Rotwein nicht über ihrem Schoß ausbreitet und sieht ihn mit halb geöffneten Augen an. „Das habe ich inzwischen eingesehen“, fügt sie noch hinzu, als er noch immer nichts gesagt hat. Er sieht sie nur an, sitzt dabei wie ein Schuljunge kerzengerade auf dem Stuhl, mit dem Rücken zur Küchenwand. Seine Hände hat er vor seinem Schoß zusammen gefaltet. Er sieht noch ganz genauso aus, wie damals, denkt sie: das verschmitzte Grinsen, das ihm scheinbar nie aus dem Gesicht weicht, die Lachfalten um seine grauen Augen herum, diese graublauen Pullover unter denen er meist noch ein Hemd trug. Sie hatte sich in den Nächten, in denen sie betrunken die Stadt unsicher machten, immer gefragt, wie es ihm gelingen konnte, stets so ordentlich auszusehen. Adrett, wie ihre Großmutter sagen würde. Vielleicht liegt es am Wein, vielleicht an der Zeit, die inzwischen vergangen ist, aber gerade fällt ihr nicht mehr ein, was sie noch vor fünf Jahren an ihm fand. „Venezianische Masken“ weiterlesen

Von der armen A.S.

Von der Armen A.S.

Ich sah dich in der Bahn mir gegenüber. Ich hab dich sofort erkannt, denn seit Wochen schon gehst du mir nicht aus dem Kopf. Du sahst mich nicht, hattest deinen Kopf gesenkt, warst vertieft in eines dieser antiquaren, vergilbten Bücher, die nach längst vergessenen Gedanken und ehrlicher Poesie riechen. Sicher last du in einem Hesse, oder blättertest wieder in einem Nietzsche, so versunken wie du in deine Lektüre warst, so sehr wie dich deine Umgebung nicht interessierte, so wie ich dich kenne.

Doch mit dem langsam einsetzendem Regen, dem ersten, der nach Sommer roch, war es, als wäre ich zurück auf den Boden der Tatsachen gespült. Mir fiel wieder ein, dass ich dich eigentlich nicht kenne. Dass du nur eine Erzählung bist, und ich das Mädchen, das noch an Märchen glaubt. „Von der armen A.S.“ weiterlesen

„Zum trunkenen Feigling“

betrunkene Umdrehungen

Wenn ich betrunken bin, sage ich Dinge, die ich nicht sagen will. Vor allem sage ich sie lauter, damit sie noch unbändiger im Raum stehen, als sie es ohnehin schon würden.>

Wenn ich betrunken bin, tue ich Dinge, die ich nicht tun will. Vor allem tue ich sie immer wieder, genauso wie ich mir am Morgen darauf auch immer wieder einrede, dass ich das nie wieder machen werde, und gut zurede, dass es dieses Mal sicher auch so sein wird.
„„Zum trunkenen Feigling““ weiterlesen

Ad absurdum

Hing dir an den Lippen,
ganz so wie eine Gehörlose,
die nicht mehr gehen kann.
Doch bist du der Stumme,
der nicht sehen kann.

Hast mich an der Angel –
ich zapple noch ein letztes Mal.
Hast sie eigentlich nie ausgeworfen –
und ich esse keine Fische.

Ist wie Freundschaft:
man nimmt, was man kriegen kann.

Liest mich an der langen Leine –
ich bin in der Ferne noch ein verschwommener Punkt.
Liest mich dir einfach zulaufen –
und bin ich doch eigentlich kein Hund.

War wie Freundschaft:
hab genommen, was ich kriegen konnte.

Vermisse dich jetzt.
Doch bist du nicht weg,
warst ja nie da.

Das hab ich jetzt davon.
Bist irgendwie weg,
bin irgendwie noch hier:
belle auf trockenen Wasser
und schwimme laut am gleichen Punkt
unter blinden Fischen.

War nie Freundschaft,
wird nie mehr.

Sie

Feld in Lübars

Es war Nacht. Die Hände tief in ihren Taschen vergraben, mit dem Blick auf ihre durchgetanzten Schuhe, schlurfte sie durch die dunklen, menschenleeren Straßen nach Hause. Ihre Füße schmerzten, doch sie hatte es nicht weit.

Sie liebte es in den frühen Morgenstunden nach Hause zu gehen. An allen, die auf ihren Rädern und in ihren Autos dem Alltag entgegen fuhren, vorbei. Über die Brücke hinweg, unter den grell leuchtenden Straßenlaternen entlang. Sie liebte es in den frühen Morgenstunden nach Hause zu kommen, wenn sie alles von sich fallen ließ, die Jacke, die durchgetanzten Schuhe, das Lieblingskleid, wenn sie die Kontaktlinsen gegen ihre Brille eintauschte, mit Wasser grob Mascara aus ihrem Gesicht wusch, wenn ihre Katze freudig auf sie zu gerannt kam, wenn sie einen großen Schluck Wasser hastig austrank, sich todmüde, aber akribisch ein Brot schmierte, mit  Schnittlauch, Tomaten, getoastet und mit Käse überbacken, wenn sie alles im Bett aufaß, noch den letzten Bissen mit der Katze teilte, die sie die ganze Zeit aus allernächster Nähe beobachtet hatte, dann einschlief und erst in den Mittagsstunden wieder aufwachte.

In dieser Nacht fühlte es sich anders an. „Sie“ weiterlesen